Trägerin des Hauptpreises 2013:
Anna Viebrock

Trägerin des Förderpreises 2013:
Dorothee Curio




GRUSSWORT: DIETGARD WOSIMSKY

VORSITZENDE DER HEIN-HECKROTH-GESELLSCHAFT

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Kühne-Hörmann,

sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz, 

liebe Frau Viebrock,

liebe Frau Curio,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Sie alle heiße ich an diesem ersten Frühlings-Sonntagmorgen ganz herzlich willkommen zur 6. Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbild- und des Hein-Heckroth-Förderpreises.

2003, heute vor genau 10 Jahren, am 14. April, dem Geburtstag von Heckroth, fand ebenfalls hier in unserem schönen Theater die allererste Heckroth-Preisverleihung statt.

Ein Preis, der neu war, den es bis dahin noch nicht gegeben hatte und    -  der den Namen des in Gießen geborenen Bühnenbildners, Künstlers, Oscar-Preisträgers und Filmdesigners Hein Heckroth trägt.

Erlauben Sie mir heute, anlässlich dieses kleinen Jubiläums, einen kurzen Rückblick zu halten, bevor wir zu den beiden Hauptpersonen unserer heutigen Preisverleihung Anna Viebrock und Dorothée Curio kommen.

Die Riege der bisherigen Preisträger ist international und kann sich sehen lassen.

Hatten wir doch von Anfang an nach den Besten gegriffen.

Der erste war Erich Wonder aus Wien und mit ihm die Förderpreisträgerin Annette Murschetz.

Ich erinnere mich noch sehr gut-  und mit mir vielleicht auch einige treue Besucher - an die großartige Laudatio von Prof. Heiner Goebbels auf Erich Wonder und die bewegende Erinnerungsrede von Dr. Günther Rühle für Heckroth, die mit folgendem Satz endete:

„Erinnerung hilft Überleben, nimmt das Gewesene mit in unsere Zukunft und ist auch eine Form der Dankbarkeit, dass einer da war, der unsere Gedanken bewegt“. 

Erich Wonder wünschte sich als nächsten Preisträger für 2005: Karl-Ernst Herrmann.

Und auch diese Preisverleihung hatte mit der faszinierenden und bekennenden Laudatio von Hermann Beil für Karl-Ernst-Herrmann und seine Frau Ursel, für das Giessener Theater und für Hein Heckroth eine ganz besondere und persönliche Note.

Wir zeigten in Erinnerung an Heckroth eine Video-Aufzeichnung des legendären Antikriegsballettes „Der Grüne Tisch“ von Kurt Jooss, für das Heckroth die Kostüme und Masken entworfen hatte. Auch heute, nach 81 Jahren, werden sie noch für die Aufführungen dieses Ballettes, nach seinen Vorgaben gefertigt.

Die damals 31jährige Bettina Kraus, Assistentin des Ehepaares Herrmann, wurde mit dem Förderpreis ausgezeichnet.

2007 ehrten wir auf Vorschlag von Karl-Ernst Herrmann mit seiner Begründung: Es gibt keinen Besseren!

- den Bühnen- und Kostümbildner, Regisseur und Maler Achim Freyer aus Berlin.

Die Feierlichkeiten zu seiner Preisverleihung begannen am Vorabend mit der Eröffnung einer Ausstellung von Grafik und Malerei in meinen damaligen Galerieräumen.

Und am Sonntagmorgen hier im Theater empfing die Besucher ein „Orchesterstück“ ganz besonderer Art, ein imaginäres Konzert jedoch ohne Musik. Sechs Mitglieder des Freyer-Ensembles boten eine hochvirtuose, unablässig sich verwandelnde Raum-Körper-Klang-Skulptur.

Ein weiteres Mal hatten wir das große Glück, Hermann Beil, als exzellenten Sprecher und Kenner des universellen und phantasiereichen Künstlers Achim Freyer, als Laudatorhören zu können.

Freyers Förderpreisträger war Moritz Nitsche aus Frankfurt, der zeitgleich zu seiner Ehrung hier in Gießen für sein Bühnenbild zu „Figaros Hochzeit“ an der Frankfurter Oper viel Lob und Aufmerksamkeit erhielt. Ganz aktuell wiederum, z. Zt. bei der Wiederaufnahme dieser Produktion.

Mit dem Vorschlag Achim Freyers, den aus New York kommenden Robert Wilson auszuzeichnen, gingen wir 2009 zum ersten Mal über Europas Grenzen hinaus. 

Ich muss gestehen, diesePreisverleihung war sowohl bei den Vor- und Nachbereitungen, als auch am Tag selbst, eine besondere Herausforderung!

Ging doch der Weltstar nach seinem Nachtflug aus New York auf dem Frankfurter Flughafen erst einmal verloren und auch Sie, verehrte Frau Ministerin, sowie einige der heutigen Besucher werden sich sicherlich erinnern an das innige Viljas-Lied aus der „Lustigen Witwe“, gesungen von Schauspielerin Angela Winkler, vor dem noch leeren Sitzplatz von Wilson.

Aber gerade noch rechtzeitig zu Beginn der Reden war er dann da und es wurde ein sehr besonderer und heiterer Vormittag, geprägt vor allem wieder durch eine Rede von Prof. Heiner Goebbels, wie sie kenntnisreicher zu einem der originellsten und einflussreichsten Theatermachern der Gegenwart nicht hätte passen können.

Auch die Würdigung Robert Wilsons für seine Förderpreisträgerin Yashi Tabassomi war, wie nicht anders zu erwarten, ungewöhnlich und humorvoll.

So konnte man am nächsten Tag in der Presse lesen: „Großer Festakt wie kleine Liebeserklärung“.

Als uns Robert Wilson bereits 2009 Christoph Schlingensief für den Preis 2011 vorschlug, war es schön zu lesen, wie sehr sich Christoph Schlingensief über diese Nominierung freute und dafür Wilson und der Heckroth-Gesellschaft dankte.

Seine Auszeichnung, 7 Monate nach seinem Tod, wurde eine Preisverleihung der ganz besonderen Art, die alle Anwesenden berührte.

Mit Mahler-Liedern, gesungen von Baß-Bariton Otto Katzameier, mit Ausschnitten der ersten selbstgedrehten Super8 -Filme des 16jährigen Schlingensief, mit einer großartigen Lobrede vonDr. Elisabeth Schweeger, erinnerten wir an einen Visionär, der fest daran glaubte, mit der Kraft der Kunst die Welt bewegen und verändern zu können.

Dass Schlingensief uns Christof Hetzer als Förderpreisträger vorschlug, zeigt einmal mehr wie viel Gespür und Sinn er für junge, kreative Künstler hatte.

Christof Hetzer überraschte diese Nominierung sehr, war er doch der Meinung, Schlingensief habe ihn gar nicht gekannt.

Nach5 so starken Herren als Hauptpreisträger, wie sie unterschiedlicher nicht sein können,  ist es etwas ganz Besonders, dass heute mit Anna Viebrock nicht nur die erste Frau ausgezeichnet wird, sondern auch die erste und einzige unter den Preisträgern, die Hein Heckroth persönlich noch gekannt und gesprochen hat. Aber das wird sie Ihnen sicherlich später selbst erzählen.

Anna Viebrock erhielt bereits zahlreiche Preise. 1997 den Hessischen Kulturpreis, 2004 den Theaterpreis Berlin. Insgesamt 14 mal wurde ihr die Auszeichnung „Bühnenbildnerin des Jahres" und „Kostümbildnerin des Jahres" zuerkannt.

Liebe Frau Viebrock, seit ich vor 9 Jahren, in der FAZ einen Bericht über Sie und Christoph Marthaler anlässlich Ihres Weggangs aus Zürich gelesen, ausgeschnitten und aufgehoben hatte, wünschte ich mir insgeheim, Ihnen eines Tages hier den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis überreichen zu können.

Dank unseres hellsichtigen Kurators, Hermann Beil, und der Zustimmung unseres Gremiums,   -   bestehend aus Herrn Zetzsche vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Herrn Heiner Goebbels, Professor am Institut der Angewandten Theaterwissenschaft, der Intendantin des Stadttheaters, Frau Miville und unserer Oberbürgermeisterin Frau Grabe-Bolz,  -   ist nun heute dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.

Ganz besonders freue ich mich, dass die Kuratorin unserer Kunsthalle, Frau Dr. Riese, die Idee aufgriff, parallel zu unserer Preisverleihung eine Ausstellung mit Anna Viebrocks Bühnenentwürfen -Modellen zu zeigen.

Sie sehen, lieber Herr Beil, Sie konnten uns gar keine bessere Preisträgerin als Anna Viebrock vorschlagen.

Allen Beteiligten an dieser eindrucksvollen Doppelveranstaltung möchte ich sehr herzlich danken.

Auch wenn all jene Besucher, die gestern die Eröffnung dieser großartigen Ausstellung miterlebten, schon einiges über Anna Viebrocks Arbeits- und Sichtweisen gehört und gesehen haben, so möchte ich aus dem eben erwähnten Artikel noch folgendes hinzufügen:

Dort hieß es 2004:

„Sie ist eine Alltagspoetin, sie ist eine Göttin der kleinen Dinge, sie ist eine Archäologin des gegenwärtigen Verschwindens. Sie ist eine der zwei, drei Bühnenerfinder, die das deutschsprachige Theater revolutioniert haben. Sie hat uns sehen gelehrt, sie hat uns hören gelehrt, sie hat uns gelehrt, welche Schönheit darin liegen kann, wenn ein Fahrstuhl losfährt, aber nie ankommt.“

Angekommen sind aber heute viele Gäste, die wir willkommen heißen und denen wir sehr herzlich für Ihr Kommen danken.

Allen voran unsere Preisträgerin Anna Viebrock mit ihrem Ehemann
Hans-Peter Böffgen, und unsere Förderpreisträgerin Dorothé Curio mit Familie.

Aber natürlich auch die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Eva Kühne-Hörmann, die wiederum das Preisgeld zur Verfügung gestellt hat, und unsere Oberbürgermeisterin, Frau Dietlind Grabe-Bolz, die Ihnen, liebe Frau Curio, den Förderpreis, gestiftet von der Stadt Gießen, überreichen wird.

Ich begrüße sehr herzlich und danke Herrn Hubertus Adam aus Basel, dass er dem Wunsch von Frau Viebrock, heute hier die Laudatio auf sie zu halten, gefolgt ist. 

Auch dass Rosemary Hardy und Bendix Dethleffsen den Festakt musikalisch umrahmen war Frau Viebrocks Idee und wir danken Ihnen beiden sehr für ihr Kommen und für die, für diesen Anlass speziell aus- gewählten Musikstücke. 

Ein Theaterpreis sollte in einem Theater gefeiert werden. Besten Dank Ihnen, liebe Frau Miville, und all den hilfreichen Geistern in Ihrem Hause, die trotz der Premiere gestern Abend nun heute Vormittag diese Veranstaltung ermöglichen und zum Gelingen beitragen.

Herrn Albert Zetzsche, Referent des Hess. Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, sage ich Dank für die stets hilfreiche und unkomplizierte Zusammenarbeit.

Wie Sie aus Einladungskarte und Programmheft entnehmen können, wird diese Veranstaltung nicht nur vom Hess. Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Stadt Gießen und dem Stadttheater unterstützt sondern auch von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Sparkasse Gießen, der Volksbank Mittelhessen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Herr Direktor Wolf,  Herr Direktor Bernhardt, Herr Güssgen-Ackva vielen Dank!

Bedanken möchte ich mich auch bei meinen Vorstandskollegen, Herrn Dr. Michael Breitbach und Herrn Dr. Klaus Ringel, bei allen treuen Mitgliedern unserer Gesellschaft und ganz besonders bei unseren Ehrenmitgliedern Herrn Prof. Heiner Goebbels und Frau Staatsministerin a.D. Ruth Wagner. 

Ich freue mich auch, dass wiederum der Enkel von Hein Heckroth, Jodi Routh, heute hier anwesend ist.

Weiterhin begrüße ich, in Vertretung des Universitätspräsidenten, den Kanzler der Universität, Herrn Dr. Breitbach, den Vizepräsidentender Technischen Hochschule Mittelhessen, Herrn Prof. Schumann, den Landtagsabgeordneten Gerhard Merz, den Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz, die anwesenden Stadträte und alle Stadtverordneten.

Der heimischen Presse danke ich für ihr Kommen -  und für die schöne Berichterstattung im Vorfeld.

Ich begrüße herzlich den Intendanten der Oper Stuttgart, Herrn Jossi Wieler, den Intendanten des Pfalztheaters Kaiserslautern, Herrn Urs Häberli, den Dramaturgen Malte Ubenauf sowie den Schauspieldirektor Martin Apelt aus Darmstadt, den sicherlich einige Besucher aus seiner Gießener Zeit noch kennen werden.

Warum Hermann Beil nicht nur Kurator dieser Preisverleihung ist, sondern auch anlässlich des heutigen Geburtstags von Hein Heckroth nun eine kleine Hommage für ihn halten wird, das werden Sie jetzt von ihm selbst erfahren.

Ich wünsche Ihnen allen einen interessanten und anregenden Vormittag!

Vielen Dank!


Zum 112. Geburtstag:
„Eine kleine Hommage für Hein Heckroth

Hermann Beil
Präsident der Deutschen Akademie der darstellenden Künste

Theater ist Ensemblekunst. Im Zusammenspiel blüht die Theaterphantasie auf. Aber entscheidend ist immer wieder die individuelle Energie, der besondere individuelle Blick, der entschiedene persönliche Zugriff.

 Arbeit und Kunst von Anna Viebrock, die wir heute (nach Erich Wonder, Karl-Ernst Herrmann, Achim Freyer, Robert Wilson und Christoph Schlingensief) mit dem Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis 2013 ehren, sind leuchtendes Beispiel dafür.

Kann man diese Fähigkeiten lernen? Ich glaube, sie sind plötzlich da, überfallartig. Es mag Umwege geben, aber einmal ist das Talent für Theater doch unabweisbar offenkundig, auch indem es sich bewähren muß.  So stelle ich mir den sagenhaft ungehemmten Elan vor, mit dem der blutjunge Hein Heckroth in seiner ersten Theaterspielzeit 1924/25, die er als 23-jähriger in Münster/Westfalen begann, allein 24 Bühnenbilder zu schaffen hatte, von „Fidelio“ bis „Der liebe Augustin“, von „Maria Stuart“ bis „Lanzelot und Sanderein“.

Hein Heckroth 1901 in Gießen geboren und damit sechs Jahre vor der Eröffnung des Stadttheaters, dem ersten Jugendstiltheater der legendären Wiener Architekten Fellner und Helmer, die in ganz Europa – also auch in Zürich – Theater bauten. Er wird seine ersten Theatereindrückein diesem kleinen, aber feinen Theater seiner Heimatstadt bekommen haben. Und es lag nahe für ihn, im benachbarten Frankfurt am Mainam Städel’schenKunstinstitut zu studieren. Nach drei Jahren Studium stürzte er sich buchstäblich in die Theaterarbeit – und ging nicht unter. Vielmehr steigerte sich seine Produktivität. Im Jahre 1931 werden es 31 Bühnenbilder sein. Und in Essen wird er sogar Nachfolger von Caspar Neher, einem der bedeutendsten Bühnenbildner des 20. Jahrhunderts. Auf dieser Ebene arbeitete Hein Heckroth als Dreißigjähriger. So entstanden folgerichtig Masken, Kostüme und Bühnenbild für ein Werk, das heute noch zum Kanon der Ballettkunst gehört,  „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss, ein Totentanz für Ballett, dessen sensationeller Erfolg auch Hein Heckroth international bekannt machte. Die ersten Jahre seiner Theaterarbeit waren also eine geradezu rauschhafte Bilderflut. Die Theaterintendanten in Münster und Essen trauten ihm die Bewältigung dieser Fülle zu. Dieses Vertrauen als Voraussetzung für künstlerische Arbeit gab Hein Heckroth, der es für sich erfahren hatte, weiter. Ich war im gleichen Alter wie er als Anfänger, als ich 1963 am Theater begann. In Frankfurt, das mir neben meinen ständigen Theaterbesuchen in Gießen, mein nächster Pilgerort für ersehnte Theatererlebnisse war, sah ich eine besondere Konstellation für Bühnenbild:  Franz Mertz – der Formstrenge, Teo Otto – der Universelle,  Hein Heckroth – der Herrscher über Farben und Licht, diese drei Bühnenbildner waren wie ein Dreigestirn der Frankfurter Städtischen Bühnen. Hein Heckroth ließ als Ausstattungschef andere Größen neben sich zu. Wenn ich in der Zeitung las, er habe dieses oder jenes Bühnenbild gemacht, versuchte ich nicht nur,  es mir konkret vorzustellen, ich zeichnete es nach, denn das Bühnenbildübte auf mich, seit ich in meiner Kindheit das Kasperletheater als mein Spielzeugentdeckt hatte, ein besonderes Faszinosum aus. Für mein kleines Puppentheater kopierte ich oft in Illustrierten oder Zeitungen gesehene Aufführungsbilder und glaubte obendrein, ich wäre schon ein richtiger Bühnenbildner. Diesen arg naiven Berufstraum hatte ich glücklicherweise längst aufgegeben, als ich Hein Heckroth leibhaftig gegenüberstand in seinem Atelier im obersten Stockwerk des neuen Frankfurter Schauspielhauses-  ein Atelier, in das ich zunächst mit andächtigem Staunen eintrat , bald aber mit großer Neugier, oft unter irgendeinem Vorwand nur. Der Blick auf Bühnenbildentwürfe, der Blick in die Bühnenbildmodelle war und ist mir Teilhabe am Geheimnis einer entstehenden Aufführung. So suchte ich als Dramaturgieassistent auch deswegen die Nähe zu den Bühnenbildassistenten; mit einem verband mich bald eine schöne kollegiale Freundschaft: mit Wolfgang Mai, der später als Bühnenbildner in Basel und Zürich wichtig wurde. Heckroth hatte eben gute Assistenten und er selbst war alles andere als geheimnisvoll. Er war offen, direkt, in seiner Sprache geradezu anheimelnd. Sein Hessisch war herzerwärmend. Die magische Farbigkeit seiner Entwürfe, das Rot, das Schwarz, das Gelb und das Blau imaginierten in Licht schwebende Räume – welch schöner Kontrast zu seiner herzlich handfesten Art.

In seinem Leben, das 1970 plötzlich und gewiß vor der Zeit zu Ende ging, mußte er viele Feuer -und Wasserproben bestehen, die von 1933 an den Menschen aufgezwungen worden sind. Die Künstler waren nicht ausgenommen. Und Hein Heckroth ließ sich schon gar nicht ausnehmen. Gerade noch als Professor an die Akademie der Künste in Dresden berufen, erhielt er 1933 Mal -und Lehrverbot, widerstand er der verlangten Scheidung von seiner Frau Ada und verließ Deutschland. Wie er die harten Jahre der Emigration (einschließlich einer Internierung, die ihn bis Australien brachte) aushielt und durchstand, ist mir ein besonderes Beispiel für das Leben eines Künstlers in mörderischen Zeiten. Hein Heckroth ließ sich nicht korrumpieren. Auch schnappte er nicht über, als er 1949 einen Oscar für„The Red Shoes“ bekam. Sich für das kleinste Detail zu interessieren und sich darum zu kümmern, war ihm selbstverständliche künstlerische Arbeitsmoral geblieben. Diese Arbeitsmoral läßt sich allerdings lernen. Von guten Lehrern allemal. Ich hatte nun am Frankfurter Theater, dessen Generalintendant damals Harry Buckwitz war, viele gute Lehrer. Hein Heckroth gehörte dazu. Als mir –  erst drei Monate am Theater – der Chefdramaturg Dr. Helmut Krapp, ein Darmstädter, der eine viel beachtete und heute noch lesenswerte Doktorarbeit über Georg Büchner geschrieben hat, den Auftrag gab, für das Weihnachtsmärchen, d.h., für „Peterchens Mondfahrt“, ein Programmheft zu machen, schluckte ich erst einmal, denn mir war sofort klar, daß die damalsübliche Masche,  in jedem Programmheft Adorno abzudrucken,  bei einem Kinderstück garantiert nicht verfing. Was also tun? Heckroth wußte Rat, denn er entwarf das Bühnenbild zu „Peterchens Mondfahrt“. „ Wir machen ein Malbuch! Ein Malbuch? Ja, ein Zeichenbuch zum Ausmalen für die Kinder. Ich mache die Zeichnungen und Sie schreiben den Text dazu. Und achten Sie auf richtiges Zeichenpapier“. Ich achtete darauf und schriebden Text zu den Zeichnungen, indem ich die GeschichteKindern erzählte: „Das ist ein Bilderbuch. Aber es ist noch nicht fertig. Ihr sollt es mit bunten Farben ausmalen…“ Und so entstand vor 50 Jahren mein erstes Programmheft. Ein Malbuch inspiriert von Hein Heckroth. So einfach kann es sein. Für diese Lehre bin ichnoch heute dankbar. Jene Frankfurter Aufführung von „Peterchens Mondfahrt“,  in der alle technischen Möglichkeiten des neuen Schauspielhauses prachtvoll gezeigt wurden und in der Peter Fitz den Maikäfer Sumsemann spielte, erhielt übrigens eine theaterhistorische Pointe. „Diese Aufführung war der Höhepunkt meines damaligen Lebens. Es war für mich immer die totale Sensation…“erzählte Jahrzehnte später Andrea Breth, die als Elfjährige von Darmstadt kommend in Frankfurt ins Theater ging. Die Aufführung war für sie, wie sie mir einmal sagte, der Impuls zum Theater zu gehen. Michwiederum überkam gerade durch dieses mein erstes Programmheft eine ernsthafte Lust auf viele weitere Frankfurter Programmhefte, sei es nun für Inszenierungen von Wieland Wagner, Günther Rennert, Bohumil Herlischka oder Walter Felsenstein. Jedes Programmheft maß ich insgeheim an meinem ersten. Schließlich machte ich ein Programmheft für eine Operette mit dem Titel „Der Vogelhändler“.  Werner Düggelin inszenierte im Bühnenbild von Jörg Zimmermann. Und dieses Programmheft brachte mich 1968 nach Basel. Aber angefangen hatim Grunde alles mit Hein Heckroth, heißt es doch in meinem ersten Programmheft: „Unsere Geschichte ist nicht zu Ende. Viele lustige Dinge bekommt Ihr noch zu sehen. Paßt also gut auf!“

[1] Hermann Beil hat seine freigehaltene Rede für den Druck überarbeitet und ergänzt.


Laudatio auf Anna Viebrock

Hubertus Adam
Direktor des Schweizerischen Architektur-Museums Basel

In der allgmeinen Vorstellung handelt es sich beim Bühnenbild um temporäre Einbauten in den Bühnenraum eines Theaters, welche dem szenischen Geschehen einen Rahmen geben. Im besten Fall unterstützt der Rahmen die dramatische Handlung, verstärkt die Illusion. Die zusammengezimmerte Kulisse, die bemüht andeutet, aber nicht wirklich zeigt, ist indes immer wieder auf Kritik gestossen; dem theaterhistorischen Terminus der «Kulisse» haftet in der Gegenwart ein negativer Beigeschmack an. Es gibt mehrere Strategien, darauf zu reagieren: Man kann auf ein Bühnenbild ganz verzichten und den nackten Bühnenraum des Theaters selbst zum Spielraum erklären – eine realistische Position. Man kann die Realität ausserhalb der Bühne auf der Bühne so detailgetreu nachbilden, dass sich eine perfekte Simulation ergibt – eine naturalistische Position. Man kann die Kulissen derart stilisieren, dass sie einen eigenen selbstreferentiellen Bildkosmos entstehen lassen – eine ästhetische, vielleicht ästhetizistische Position. Und dann – dann gibt es noch die Position von Anna Viebrock.

Nicht dass Anna Viebrocks Arbeiten frei von Realismus wären: die Bühnenarchitektin, Kostümbildnerin und mittlerweile auch Regisseurin weiss sehr wohl um die Produktionsbedingungen am Theater.

Nicht dass Anna Viebrocks Arbeiten frei von Naturalismus wären: Exakter als Anna Viebrock kann niemand den Staubrand eines von der Wand abgehängten Gemäldes oder eine schimmelnde Wand, banale Deckenverkleidungen oder abgewetzte Teppiche, kurz gesagt: all die Tristesse des Alltäglichen auf die Bühne bringen.

Und nicht dass Anna Viebrocks Arbeiten frei von Ästhetik wären: Gewiss zeigt sie keine designten Glamourszenerien, widmet sich aber mit liebevoller Aufmerksamkeit der Welt, die uns umgibt, und führt uns Dinge vor Augen, die gemeinhin übersehen werden. Dinge, bei denen wir nicht recht zu entscheiden vermögen, was sie denn sind: auf seltsame Weise schön – oder abgrundtief hässlich. Und die uns deswegen berühren, weil sie nicht leblos sind, sondern Geschichten erzählen und mit Erinnerungen verbunden sind.

Viebrocks Bühnen zeichnen sich durch atmosphärische Stärke aus, die unmittelbar in den Bann zieht. Bei genauem Hinsehen entziehen sie sich jedoch der Eindeutigkeit. Realität verbindet sich mit Surrealem, Schönheit mit Hässlichkeit, Tragik mit Komik. Wo sind solche Legierungen möglich wenn nicht im Theater…

Viebrocks Bühnen, die seit mehr als 30 Jahren enstehen – oft für die Inszenierungen von Christoph Marthaler und Jossi Wieler, zunehmend aber auch für ihre eigenen – wurden stilbildend. Oft sind es überdimensionale Hallen aus einer vertrauten, aber vergangenen Zeit. Mal erinnern sie an die Fünfziger, dann an die Zwanziger-, Dreissiger-, Sechziger- oder Siebzigerjahre. Gebrauchsspuren zeugen von früherer Nutzung, wenn auch der einstige Sinn verloren ist. So bewegen sich die Akteure, selbst aus der Zeit gefallen, darin parsitär: Etwas unbeholfen versuchen sie, sich die Räume anzueignen, und bleiben letztlich doch unbehaust.

Die Unbehaustheit hat mit den verzerrten Dimensionen zu tun, welche die Bühnenräume ins Surreale verfremden;  mit dem vielfach abgewetzten, altersschwachen und zum Teil fragilen Mobiliar, das seine Erneuerung verpasst zu haben scheint;  und mit den technischen Geräten, die als Relikte einer vergangenen Ära zwar vorhanden sind, aber aus ihrem einstigen Funktionszusammenhang gelöst wurden. Öfen und Radiatoren flankieren da die Wände, ohne eigentlich Wärme zu verströmen. Boiler erhitzen kein Wasser mehr, sondern dienen allenfalls als Resonanzkörper für Musik, und die allgegenwärtigen Ventilatoren drehen sich, ohne wirklich Luft in den Bühnenraum einzublasen.

Immer wieder geht es in den Bühnenarchitekturen von Anna Viebrock um die Erinnerung. Ihr Verhalten ist das einer Archäologin, welche die obersten Schichten wegkratzt, um das verborgene Innenleben in Teilen offen zu legen. Anna Viebrock ist aber auch eine Psychologin, welche das Unterbewusstsein von Häusern erforscht. Denn wie die Akteure, so erzählen auch die Bühnenarchitekturen ihre Geschichte und werden damit zu Mitspielern, mitunter gar zu Protagonisten. Sie wahren die Erinnerung, wie es besonders bei Tristan und Isoldezum Ausdruck kam, der Inszenierung von Christoph Marthaler für die Bayreuther Festspiele 2005: Von Aufzug zu Aufzug wuchs das Bühnenbild um zwei Meter in die Höhe. Funktionsfähige Elemente wurden solchermassen zwecklos – beispielsweise die rückwärtige Tür des zweiten Aufzugs, die in der abschliessenden Szenerie nutzlos in die Wand integriert war: nicht mehr zu benutzen, nur noch Zeichen der Erinnerung. Der holzvertäfelte Salon, mit seinem teils umgestürzten Mobiliar als Schiffsinterieur deutbar, wandelte sich im zweiten Aufzug zur Schalterhalle – und schliesslich in einen Raum mit zerkratzten Putzwänden, der wie ein Hybrid aus Mausoleum und technischem Lager anmutete.

Für mich haben die sedimentierten Zeitschichten des Tristan-Bühnenbilds viel mit der Mehrdeutigkeit des Wortes «aufheben» zu tun, die mir für die Arbeit von Anna Viebrock charakteristisch erscheint. Aufheben bedeutet aufgreifen und emporheben, es bedeutet bewahren und konservieren, es bedeutet aber auch seinem Kontext entreissen und eliminieren.

Die Realität fliesst auf verschiedene Weisen in die Bühnenarchitekturen von Anna Viebrock ein. Bald integriert sie gefundene Objekte, bald entstehen ihre hybriden Räume anhand von fotografischen Vorbildern, die sie in ihrem Bildarchiv sammelt. Für Riesenbutzbach, Christoph Marthalers Projekt für die Wiener Festwochen 2009, unternahm sie Recherchereisen durch die Einfamilienhausquartiere der Republik, durch das deutsche Suburbia. Bei dem Saal auf der Bühne handelte es sich um eine Kombination aus Pavillon und Bunker mit Wänden, die durch schäbige Blümchentapeten domestiziert wurden. Ein Wohnzimmer als Saal, ein Saal als Gefängnis? Dazu drei Garagen: eine im Innenraum, eine in der Wand, eine neben dem Gebäude. Inneres und Äusseres waren untrennbar vermischt, doch nirgends ein Ausblick, nirgends ein Ausweg, kein Entkommen. 

Die Banalität des Alltäglichen kippte hier ins Unheimliche, so wie auch in der jüngsten Arbeit, der Uraufführung Gabe/Gift von Händl Klaus für das Schauspielhaus Köln; Anna Viebrock hat hier nicht nur Bühne und Kostüme entworfen, sondern auch Regie geführt. Der abgewohnte Raum im Untergeschoss der doppelgeschossigen Bühnenarchitektur ist von unerbittlicher Sterilität und wird von der Familie Müllert mit weisser Farbe und Bodenfliesen zu einem «Erfrischungsraum» umgebaut. Am Ende des Stücks fallen alle Beteiligten in Agonie und entschwinden dem Leben. Der Raum verschlingt die Akteure; «es ist der Raum, der sich erfrischt», heisst es bei Händl Klaus. Das Stück spielt virtuos mit dem Kriminalgenre, lässt aber auch die Themen Missbrauch, Inzest und Vatermord anklingen. Die Akteure sprechen jeweils nur Teile von Sätzen, dann Wörter, Silben, Laute – und schliesslich nichts mehr.

In Gabe/Gift ist der seine Bewohner verschlingende Raum zum sprachlosen Hauptakteur geworden. Schon ein Jahr zuvor hatte Anna Viebrock mit Das Mansion am Südpol. Eine Immobilie einem Haus ein Stück gewidmet, diesmal einer real existierenden Ikone der Moderne. Und zwar dem Haus mit dem kryptischen Namen E1027, das die Architektin und Designerin Eileen Gray sich und ihrem Lebensgefährten in Südfrankreich errichtet hatte. Das Gebäude ist nicht zuletzt aufgrund eines obsessiven Aneignungsprozesses des Architekten Le Corbusier bekannt geworden, der nach dem Auszug von Eileen Gray gegen im Inneren eigene Wandbilder malte, sich auf dem Nachbargrundstück niederliess und schliesslich sogar als Entwerfer von E1027 figurierte.

Wie Geister der Vergangenheit irrlichterten Eileen und Le Corbusier durch das Gebäude und trafen hier und da auf die fiktiven neuen Hausbesitzer Agnes und Manl. Tamara (Marie Jung), eine junge Frau wie aus eine Film von Eric Rohmer, trat als eine in einem zeitlich nicht identifizierbaren Jetzt lebende Figur hinzu.

Das Geschehen auf der Bühne wurde zu einem suggestiven Vexierspiel zwischen den Zeiten – mit dem Teilnachbau des ruinösen Hauses E.1027 im Zentrum. Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität verbanden sich. Zu Texten von Laederach traten Zeilen aus dem Gedicht Sentences of the House and other Sentences des amerikanischen Architekten John Hejduk.  Wie in einer Traumsequenz wurden Hejduks Sentenzen auf die Wände des Gebäudes projiziert wurden, darunter eine, die ich für überaus charakteristisch halte:  «The house never forgets the sounds of its original occupants.» («Das Haus vergisst niemals den Klang seiner ursprünglichen Bewohner.»)

Von Michel Foucault stammt der überaus inspirierende Begriff der Heteropie. Heterotopien sind nicht die Utopien, die nirgends existieren als in den Gedanken. Es sind die Orte, die anders sind als die übrigen und üblichen, gleichsam Gegenräume. Heterotopien, reale Gegenräume, existieren in jeder Gesellschaft, können sich aber wandeln. Sie unterliegen oft einer anderen Zeitlichkeit, und sie sind über ein spezielles System von Öffnung und Abschliessung zugänglich. Das Theater selbst wird von Foucault als einer dieser «anderen Räume» in der Gesellschaft angeführt. Bemerkenswert ist, dass beinahe sämtliche Räume, die Anna Viebrock im heterotopischen Raum des Theaters realisiert, wiederum sich in die Typologien der Heterotopie einfügen, wie Focault sie expliziert, einordnen lassen: Spiegel,Wartesäle, Gefängnisse oder Schiffe.

Anna Viebrock baut mit wenigen Ausnahmen Einheitsbühnenbilder ohne Verwandlung, weil sie den Eindruck der Kulissenhaftigkeit vermeiden will. Daher spreche ich auch lieber von Bühnenarchitekturen als von Bühnenbildern. Anna errichtet hermetische Innenräume, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint, die keine Aussenwelt kennen; immer wieder wird die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verwischt. Es sind Erinnerungsräume voller Spuren, oft unheimlich, und doch auch mit surrealen Arrangements voll abgründiger Komik. Das Paradoxe gehört zu Annas Räumen ebenso wie zu ihren Regiearbeiten, und so möchte ich auch mit einem paradoxen Begriff schliessen, um ihre Raumschöpfungen zu charakterisieren: antillusionistischer Illusionismus.

Anna, herzliche Gratulation!


Preisverleihung an Anna Viebrock

Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann
Hess. Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Frau Wosimsky,
sehr geehrte Preisträgerinnen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr gern bin ich heute in das schöne Stadttheater Gießen gekommen, um zur Verleihung des nunmehr sechsten Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises die herzlichen Grüße und Glückwünsche des Ministerpräsidenten und der ganzen Hessischen Landesregierung zu überbringen und natürlich auch den Preis zu übergeben. 
Wir haben soeben eine ausführliche Würdigung des Werkes unserer heutigen Preisträgerin, Frau Anna Viebrock, erlebt. Niemand hat wohl auch vorher daran gezweifelt, dass sie - wie alle ihre „Preis-Vorgänger“ auch – zu den auch international namhaftesten Vertretern ihrer gesamten Zunft gehört.
Und dennoch gibt es für mich einen ganz besonderen Grund zur Freude, den ich keinesfalls verhehlen möchte. Immerhin wird heute mit Anna Viebrock zum ersten Mal überhaupt eine Frau mit dem Hein-Heckroth-Preis ausgezeichnet. Ich darf in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass das künstlerische Personal der Theater sehr stark von Männern dominiert wurde.  Regisseure, Bühnenbildner, Dirigenten, Intendanten und nicht zuletzt Orchestermusiker waren lange Zeit reine Männerberufe. Heute hat sich dies in vielen der genannten Bereiche zum Glück ganz grundsätzlich verändert. In der jüngeren Generation sind gerade die Regieteams gut gemischt, der Nachwuchs für die Orchester ist seit Jahren ganz überwiegend weiblich. Schließlich sind vier von den sechs Hein-Heckroth-Förderpreisträgern auch Frauen. Lediglich bei den Intendanten und Dirigenten gibt es immer noch einen erheblichen Überschuss an Männern. Aber auch hier gibt Gießen mit seiner erfolgreichen Intendantin ein gutes Beispiel.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, das Genderproblem, so bedeutsam es auch in der Kunst wie in allen Lebensbereichen ist, so ist es doch nicht das Hauptthema des Hein-Heckroth-Preises.
Der Preis ehrt mit dem Bühnenbild einen Bereich des Gesamtkunstwerks Theater, der in derTheatergeschichte allzu lange eine rein dienende, dekorative Funktion hatte. Und selbst, nachdem das Bühnenbild sich durch die Neuerungen des berühmten Meininger Theaterherzogs Georg II. in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zur eigenen Kunstform emanzipierte, dauerte es noch sehr lange, bis diese Emanzipation auch allgemein anerkannt wurde. So schreibt denn auch der erste Hein-Heckroth-Preisträger von 2003, Erich Wonder, noch 1986:
Zitat: „ich finde aber, dass das Bühnenbild eine eigene Kunstform sein kann, die auch Inhalte ausdrückt. Es ist keineswegs nur als geschmackvoller Zuträger, also als Dekoration oder Gestaltung des Umraumes gemäß den konventionellen Vorstellungen des Theaters zu verstehen. Die moderne Sicht dieses Berufes entspricht eher der eines Bilddramaturgen. Er behauptet einen Gesamtkomplex, der über Bilder läuft, aber nur funktioniert, wenn er sich mit Inhalten, mit Dramaturgie, beschäftigt.“
Ich glaube, dass heute niemand mehr ernsthaft anzweifelt, dass es sich beim Bühnenbild um eine eigenständige Kunstgattung handelt. Gewiss hat auch die junge Tradition des Hein-Heckroth-Preises ein klein wenig zu dieser Selbstverständlichkeit mit beigetragen. Eine Selbstverständlichkeit ist es zumindest in unserem Bundesland Hessen aber auch, dass die Theaterkunst eine hohe gesellschaftliche und kulturpolitische Anerkennung genießt.
So wurden in der Spielzeit 2010/11 knapp 1,4 Mio. Besucher allein in den öffentlich getragenen Theatern in Hessen gezählt und damit für eine hohe Auslastung der Häuser gesorgt. Dies weist jedenfalls die Statistik des Deutschen Bühnenvereins aus. Rechnet man noch die Besucher der privaten und Freien Bühnen in Hessen hinzu, so kommt man auf einen sehr beachtlichen Anteil von Theaterbesuchern an der Gesamtbevölkerung.
Dieser Tatsache hat die Politik der Landesregierung Rechnung getragen. Bei stetig steigenden Besucherzahlen in vielen Häusern - wie hier zum Beispiel im Stadttheater Gießen - und einer hohen Wertschätzung der künstlerischen Qualität durch die Medien, ist eine Debatte um eine Verringerung der bestehenden Theaterstrukturen, wie sie derzeit in anderen Bundesländern heftig geführt wird, nicht auf der Tagesordnung. Die Landesregierung hat sich daher mit dem Sitzstädten der Theater auf ein Modell verständigt, wie auch steigende Kosten, etwa durch höhere Personalkosten bei Tariferhöhungen, gemeinsam abgefangen werden können. 
Diese erfolgreiche materielle Absicherung öffnet uns umso mehr den Blick für die eigentlichen, ideellen Werteder Theaterkunst, die es für die Zukunft zu schützen und zu wahren gilt. Womit ich nun wieder bei den beiden heute auszuzeichnenden Bühnenkünstlerinnen wäre. 
Daher möchte ich an dieser Stelle zuallererst der Hein-Heckroth-Gesellschaft mit Frau Dietgart Wosimsky an der Spitze sehr herzlich danken, dass dieser Preis seit nunmehr 10 Jahren regelmäßig vergeben werden kann. Mein Dank gilt natürlich auch der Stadt Gießen, die diese Idee von Beginn an gemeinsam mit dem Land unterstützt hat. Aber auch der Hausherrin, Frau Intendantin Miville, dazu den Herren Prof. Heiner Goebbels und Hermann Beil, die stetsmit exzellentem fachlichen Rat zur Seite stehen, sei hier herzlich gedankt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, damit möchte ich meine Grüße beschließen und bitte Sie, verehrte Frau Viebrock, zur eigentlichen Verleihung zu mir auf die Bühne.

 Dankesrede zur Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises

ANNA VIEBROCK

Vielen herzlichen Dank für den Hein-Heckroth-Preis!

Wie Frau Wosimsky vorhin schon angekündigt hat, hofft man jetzt von mir etwas zu erfahren über meine Begegnung mit Hein Heckroth.

Ich bin in Frankfurt am Main ins Goethe-Gymnasium gegangen. Vor dem Abitur sollte man sagen, was man werden möchte, weil das in der Zeitung abgedruckt werden sollte, zusammen mit der Information, wer das Abitur bestanden hatte. Da habe ich schon gesagt: „Bühnenbildnerin“. Anscheinend wusste ich da schon, dass ich das werden wollte.

Ich habe Hein Heckroth damals tatsächlich in seiner Wohnung im Frankfurter Westend besucht, aber ich erinnere mich nur noch, wie schön seine Frau aussah mit ihrem schweren schwarzen Haarknoten und dann hing dort in der Wohnung ein wunderbarer roter Murano Kronleuchter. Ich weiß noch, dass Hein Heckroth sehr sympathisch war und so schön hessisch geredet hat - das ist fast Alles, an das ich mich erinnere.

Um die Erinnerung aufzufrischen, habe ich versucht, den Film über Hein Heckroth aufzutreiben, von dem ich gehört hatte, was mir aber noch nicht gelungen ist.

Stattdessen fand ich im internet unter dem Stichwort Hein Heckroth einen sehr empfehlenswerten Film über einen Frankfurter Stammtisch, in dem Hein Heckroth anlässlich seines Oskars für die Ausstattung des Films „Die roten Schuhe“ eingeladen wurde, Diese Fernsehsendungaus den 70ern ist auch interessant, weil viel getrunken wird, Weißwein und Whisky, und sehr viel geraucht und dann plötzlich Hitchcock auftaucht. Sehr überraschend war für mich, dass die Beiden zusammen gearbeitet hatten und zu erleben, wie Hitchcock mit Heckroth auf deutsch über die gemeinsame Arbeit spricht und Hitchcock dann noch auf deutsch eine geniale kleine Lektion über das „Cinema“ gibt.

Ich habe aber in meiner Teenagerzeit in Frankfurt wirklich ein paar der Stücke im Schauspiel gesehen, zu denen Hein Heckroth die Bühnenbilder gemacht hat.

Als ich dann nach dem Studium als Assistentin im Schauspiel Frankfurt anfing, mit Erich Wonder als Ausstattungsleiter, da war für mich doch die neue Generation der Bühnenbildner prägend.

Ich muss sagen, jetzt fange ich an, Hein Heckroth und seine Zeit etwas mehr zu studieren: Es ist unglaublich, was er gemacht hat und ich finde diese zweite Laufbahn als Filmdesigner sehr beeindruckend.


Laudatio auf Förderpreisträgerin Dorothée Curio

Anna Viebrock

Bild: Rolf K. Wegst

Bild: Rolf K. Wegst

Ich kenne Dorothee Curio seit 1997, von einem Kurs, den ich als Gastprofessorin an der HdK in Berlin gehalten habe. Damals haben wir, wie ich es am liebsten mache, zusammen einige Spaziergänge durch Berlin gemacht und uns unter anderem die Ballhäuser angeschaut. Dann sollten die Studenten jeder einen Ort finden und diesen dann beschreiben, abzeichnen, ausmessen, fotografieren oder ähnliches, um diesen untersuchten Ort dann als Bühnenort/raum umzudeuten oder neu zu erfinden. Es ging darum, herauszufinden, warum man dem gefundenen Ort angezogen wird, um damit etwas über sich und seine Interessen zu erfahren und später um die Theatralisierung dieses Ortes. Es ging also auch darum, neue Orte für das Theater zu entdecken oder würdig zu finden..

Dorothee, die in der Klasse von Martin Rupprecht Bühnen- und Kostümbild studierte, nahm als Gast an diesem Kurs teil.Sie suchte sich den Festsaal des Staatsratsgebäudes aus und baute ein Modell einer Spiegelsituation, die sie dort entdeckt hatte; ein Thema das mich derzeit auch sehr beschäftigte und so verfolgte ich ihre Arbeit schon damals mit großem Interesse.

Von Dorothee die immer in Berlin gelebt hatte und im Ostteil aufgewachsen war, konnte ich sehr viel erfahren über die Stadt vor der Öffnung der Mauer und über das Leben auf der anderen Seite. Das hatte mich seit meinen ersten Besuchen Berlins anlässlich der Produktion MURX DEN EUROPÄER (an der Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz) außerordentlich interessiert. Ihre Herkunft, diese eigene und sehr ernsthafte und gesellschaftlich bewusste Einstellung hat mich sehr beeindruckt und so hat sich daraus eine länger dauernde Assistenten- und dann Bühnenbildmitarbeit entwickelt, bei der ich sicher ebenso von Dorothee profitierte, wie sie vielleicht von mir.

Später hat Dorothee dann einige Male die Kostüme gemacht, bei Regiearbeiten von Marthaler und mir und Frank Castorf („Geschichten aus dem Wienerwald“,Volksbühne, Regie: Marthaler ,Einar Schleef:“ Die Nacht.“ Regie Viebrock Prinzregententheater München, „Marterpfahl“ Volksbühne, Regie Castorf/Stuart)

Sie ist eine Theatererfinderin und-Gestalterin, die sich jedes Mal sehr genau überlegt, was sie an einem Stück interessiert und sehr klar dafür ein Bild findet. Glücklicherweise gibt es kein Stichwort unter dem man ihren Stil oder ihre Ästhetik zusammenfassen kann. So eine „Schubladisierung“ kann sehr schnell gehen und wenn dann so eine Beschreibung oder ein Stempel im Umlauf ist, wird dieser gern immer wieder benutzt. Man muss nichtweiter nachdenken, sondern kann diesen gebrauchen und muss nicht mehr so genau hinschauen. Glücklicherweise gelingt das bei Dorothee nicht, denn sie erfindet immer wieder Neues und Überraschendes.

Am Anfang hat Dorothee unter extrem unterschiedlichen Bedingungen gearbeitet. Bei DRAMA KÖLN hat sie mit den anderen Gruppenmitgliedern an leer stehenden Orten ganz schnell Stücke erfunden und produziert, ohne Geld. Das hat geholfen, schnell Entscheidungen zu treffen und erfinderisch zu sein. Unter katastrophalen Bedingungen hat man da gearbeitet, aber mit großem Spaß und ohne von „oben“ kritisiert zu werden. Darum macht ihr auch die Arbeit mit der Gruppe Veensfabrik in Holland und mit Paul Koek , mit denen sie regelmäßig arbeitet, großen Spaß, weil da ähnlich unhierarchisch gemeinsam Projekte erarbeitet werden, wie vor Kurzem MOBY DICK.

Eine Zeitlang hat man sie, wie es uns Frauen oft passiert, mehr als Kostümbildnerin gefragt, und wenn man mehrmals hintereinander „nur“ Kostüme macht, hat man es unter Umständen schwer, wieder als Bühnenbildnerin gefragt zu werden aber jetzt ist sie doch beides in gleichem Maße. Damit will ich nicht das Kostümbild herabsetzen, das Kostümbild bekommt immer zu wenig Aufmerksamkeit, und der Satz von Paul Koek , Kostümbildner seien für ihn wie Bildhauer, gefällt uns Beiden sehr.

Außer der Gruppe der Veensfabriek, den Regisseuren Johan Simons an den Münchner Kammerspielen und Jan Neumann, hat sie unter anderen mit rumänischen Theaterleuten, Lothar Kittstein und Gianina Carbunario zusammengearbeitet und letztens mit Christiane Pohle in Graz als Bühnen und Kostümbilderin für „ Der Untergeher“ von Thomas Bernhard. Da fährtam Ende des Abends, der bis dahin sich auf der leeren Bühne abspielt, aus der Unterbühne ein Giraffenskelett hoch und dann füllt sich noch für den Schluß die ganze Bühne mit hochfahrenden Tonstudios.. Tote, ausgestopfte Tiere sind etwas, was immer wieder auftaucht(z.b. auch in dem Abend, den ich letzte Woche gesehen habe: IM AUGENBLICH DAS CHAOS,in Stuttgart, wo Breughels „Garten der Lüste“ zitiert wird und auch viel tote Tiere „mitspielen“. Aber auf die Frage, warum? sagt sie dann z.b.: in dem Fundus gab es Unmengen ausgestopfter Tiere und die sollten da doch mal wieder herauskommen und sie sind auch etwas ganz Fremdes, was den Schauspielern dann gegenübersteht, und das Giraffenskelett begleitet sie schon ganz lange und Thomas Bernhard und Glen Gould schienen ihr die Richtigen Partner für diese Giraffe. 

Ihr Interesse an der Realität, ihr ernsthaftes Studium jedes Texts, jeder Vorlage, ihr Interesse, sich mit den Kollegen darüber auseinander zu setzen, und gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten, ihre Recherchen zu den jeweiligen Themen, beeindruckt mich sehr. Das Interesse an der Wirklichkeit hat bei ihrzur intensiven Beschäftigung mit der Fotografie geführt. Das Sammeln von Realität und das Katalogisieren von dem Gefundenen, das dann immer wieder als Bildgedächtnis hervorgeholt wird und oft Ausgangpunkt für neue Arbeiten ist, ist auch mir sehr vertraut.

Aber wie sie das mit ihren eigenen inneren Vorstellungen und Bildern kombiniertund eine Überhöhung sucht, führt zuetwas ganz Neuem. Damit hat sie eine ganz eigene, originäre Kunstentwickelt.

Ich wünsche mir, dass dieser Förderpreis dazu beiträgt, dass Dorothee Curios Arbeit noch mehr Aufmerksamkeit erfährt.

Und merken Sie sich diese Website, da können Sie auf dem Laufenden bleiben über Dorothee Curio:

www.dorotheecurio.com


Verleihung des Förderpreises an Dorothée Curio

Dietlind Grabe-Bolz
Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen

Sehr geehrte Frau Viebrock,

sehr geehrte Frau Curio,

sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen der Universitätsstadt Gießen möchte ich Ihnen, sehr geehrte Frau Viebrock, herzlich zur Auszeichnung mit dem Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis 2013 gratulieren.

Es ist uns als Kultur- und Theaterstadt und als Heimatort Hein Heckroths eine Ehre, dass mit Ihnen erneut eine bedeutende Bühnenbildner- Persönlichkeit ausgezeichnet wird.

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, der Ideengeberin Frau Wosimsky sehr herzlich zu danken. 

Und ich danke Ihnen, dass Sie es uns ermöglichen, eine Auswahl Ihres Werkes in der Kunsthalle in einer Ausstellung mit dem Titel ' Im Raum und aus der Zeit' zu präsentieren.

Sie, Frau Viebrock , haben als Förderpreisträgerin die Bühnen- und Kostümbildnerin Frau Dorothee Curio vorgeschlagen.

Mit der Vergabe des Hein- Heckroth- Preises und des Hein-Heckroth-Förderpreises stellen wir uns als Stadt bewusst in eine für uns historisch verpflichtende Tradition.

Als Geburtsort des Bühnenbildners, Malers und Oscar-Preisträgers Hein Heckroth fühlen wir uns besonders ermutigt, die gerade für das Gesamtkunstwerk Theater so wichtige Kunstgattung Bühnen- und Kostümbild in den Blickpunkt der Förderung zu stellen.

Mit diesem Beitrag wollen wir bewusst an die Leistungen eines wichtigen Sohnes unserer Stadt anknüpfen und als überzeugte Theater-Stadt auch daran erinnern, dass die künstlerische Leistung der Ausstattung des Bühnenraumes in der öffentlichen Wahrnehmung als eigenständige Kunst im Gesamtwerk des Theaters gewürdigt werden soll.

Gerade in einer multimedialen Zeit, in der effekthaschende und von Kurzzeit-Befriedigung lebende Bilder mit Internetbasierten You-tube-Animationen konkurrieren, hat es das stehende Bild, das bildende Kunstwerk an sich schon nicht leicht.

Noch schwerer hat es das Bühnen- und Kostümbild, das in der Wahrnehmungshierarchie auf der Bühne zudem noch mit Sprache und Musik konkurrieren muss. 

Dabei ist der Gesamteindruck, die Gesamtperformance der Produktion tatsächlich das Zusammenspiel der Kunstgattungen, ist die Gestaltung des Raums, die Ausstattung, das Bühnenbild integraler Bestandteil der Gesamtleistung und gleichzeitig eine eigenständige Kunstform.

Es ist mir eine große Freude, Ihnen, Frau Curio, auf Vorschlag von Frau Viebrock den Förderpreis 2013 im Namen der Universitätsstadt Gießen zu übergeben.

Mit der Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis und des Hein- Heckroth-Förderpreises verbinden wirdie Hoffnung und Erwartung, dass Ihre Arbeiten sich weiter mit den Entwicklungen der bildenden Kunst verschmelzen und sich gegenseitig befruchten.

Ja, dass Sie dazu beitragen, die Gattung des Bühnen- und Kostümbildes als eigenständige Kunstform zu wahren und sie weiter zu entwickeln - ganz im Sinne des Namensgebers Hein Heckroth.

Diese Gesellschaft wird Ihnen dankbar dafür sein.

Sehr geehrte Frau Curio, bitte nehmen Sie diese Auszeichnung als Zeichen unserer Wertschätzung Ihrer bisherigen Leistungen und als Ansporn für Ihr weiteres künstlerisches Schaffen.