Träger des Hauptpreises 2017:
Gero Troike

Trägerin des Förderpreises 2017:
Jil Bertermann




Die Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises fand am 23. April 2017 im Stadttheater Gießen statt.


begrüssung

DIETGARD WOSIMSKY
VORSITZENDE DER HEIN-HECKROTH-GESELLSCHAFT

wosimsky

Vielen herzlichen Dank, Ipča Ramanović, Wilfried Staber und Johannes Harneit, für den musikalischen Auftakt zum heutigen Festakt. Wir sind gespannt, wie es mit den beiden Koffern am Ende unserer Veranstaltung weitergehen mag.

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Lösel,

sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz,

lieber Herr Troike, liebe Frau Bertermann,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

seien Sie alle herzlich willkommen!

Es ist bereits das achte Mal, dass die Hein-Heckroth-Gesellschaft hier in unserem schönen Stadttheater den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis an einen herausragenden Bühnenbildner verleihen darf. Eine solche Erfolgsgeschichte war bei der Gründung der Heckroth-Gesellschaft im Jahr 2001 und der erstmaligen Verleihung dieses einzigartigen Preises im Jahr 2003 nicht vorauszusehen, mussten doch viel Überzeugungskraft aufgewendet und so manche Bedenken und Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden. Mein großer Dank gilt allen, die an meine Vision geglaubt haben und mich bei der Umsetzung tatkräftig unterstützt haben.

Mit besonderem Dank erfüllt mich die Tatsache, dass das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst auch in diesem Jahr das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro zur Verfügung gestellt hat.

Manche Besucher, die heute zum ersten Mal hier sind, werden sich fragen, wie wir unsere Preisträger finden. Nun, das Prinzip unseres Auswahlverfahrens ist simpel; es verursacht keine Kosten und hat sich bisher ausgezeichnet bewährt. Das Vorschlagsrecht für den Hauptpreisträger hat jeweils der vorherige Preisträger. Die Träger des berühmten Iffland-Ringes und des Lessing-Preises werden durch ähnliche Verfahren bestimmt.

Heute nun ehren wir Gero Troike, einen Künstler ganz eigener Art, über den uns Bert Neumann, Preisträger von 2015, vier Wochen vor seinem plötzlichen Tod schrieb: „Als nächster Preisträger ist für mich nur eine Person denkbar, die für mich immer künstlerisches Vorbild war in ihrer Unbestechlichkeit und die in ihrer vielfältigen künstlerischen Betätigung (Bühnenbild, Schreiben, Malen, Regie) prädestiniert ist für diesen Preis.“

Ich betone, das war zunächst nur ein Vorschlag, und dieser Vorschlag bedurfte noch, wie unsere Richtlinien es vorschreiben, der Zustimmungen

  • vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Wiesbaden,
  •  von Herrn Heiner Goebbels als Professor der Angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Gießen,
  • von der Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen,
  • von der Intendantin des Stadttheaters Gießen,
  • sowie vom Vorstand der Hein-Heckroth-Gesellschaft.

Wie wichtig für Gero Troike die Malerei ist und mit welcher Hingabe und handwerklichen Fertigkeit er Bühnenmodelle baut, konnten einige von Ihnen bereits gestern Abend bei einer ersten Durchsicht der Troike-Ausstellung in der Universitätsbibliothek Gießen erfahren. Unter dem Titel „Anmutige Gegend“ werden seit gestern in der Universitätsbibliothek Skizzen, Modelle, Modellfotos und sogar ein großformatiges Bühnenobjekt, ein barockisierender Wasserfall, gezeigt, die Gero Troike für Goethes Faust II entwickelt hat.

Ich danke in diesem Zusammenhang ganz besonders Herrn Dr. Peter Reuter, dem Direktor der Universitätsbibliothek, der unsere Idee aufgriff, anlässlich der achten Verleihung des Heckroth-Bühnenbildpreises eine Ausstellung mit Bühnenentwürfen und Bühnen-Modellen zu zeigen. 

Bei der Ausstellungseröffnung am gestrigen Abend hatten wir das Vergnügen, unser Ehrenmitglied Hermann Beil aus Berlin mit einer Rezitation der Zueignung zu erleben, die Goethe an den Anfang seiner Faust-Dichtung gestellt hat.

Herzlich willkommen, lieber Herr Beil, nun auch hier.

Enden wird die Ausstellung am 20. Mai, wiederum in Anwesenheit des Künstlers. Bei dieser Gelegenheit wird der Gießener Schauspieler Rainer Domke ausgewählte Texte aus Faust II vortragen. Sie alle sind herzlich eingeladen, an dieser Lesung im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek teilzunehmen.

Wie viel Ihnen, lieber Herr Troike, die Beschäftigung mit den Faust-Texten und das Eintauchen in den Faust-Stoff bedeutet, war während unserer gemeinsamen Vorbereitungen für dieses Wochenende faszinierend zu spüren. Mehr über unseren Preisträger und sein Leben werden Sie, verehrtes Publikum, nachher aus der Laudatio erfahren. 

Liebe Frau Thelemann, herzlichen Dank für Ihr Kommen und für Ihre Bereitschaft, die Laudatio auf Gero Troike zu verfassen.

Gero Troike als Hauptpreisträger durfte laut unserer Richtlinien den Träger oder die Trägerin des von der Stadt Gießen finanzierten Förderpreises vorschlagen. Er hat sich mit Zustimmung der Oberbürgermeisterin für Jil Bertermann entschieden. Wir werden noch erfahren, was ihn dazu bewogen hat.

Ein fester Bestandteil jeder Verleihung des Heckroth-Preises ist ein Programmpunkt, der eine Facette aus Heckroths reichem künstlerischen Wirken beleuchtet. Ich danke Frau Prof. Dr. Claudia Hattendorff sehr, dass sie hier und heute einige Zeichnungen, die ich in einem Skizzenblock von Heckroth fand, vorstellt und mit dem Szenenbild der Fernsehoper „Herzog Blaubarts Burg“ in Verbindung setzt.

Herzlich begrüßen möchte ich an dieser Stelle einen Gast, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass wir Ihnen heute einen Filmausschnitt aus dem Blaubart-Film präsentieren können. Es ist die Witwe des Hauptdarstellers und Produzenten Norman Foster, Frau Sibylle Nabel-Foster aus Hamburg, die die Rechte an diesem Film besitzt. Besten Dank, liebe Frau Nabel-Foster.

Weiterhin begrüße ich herzlich den Enkel von Hein Heckroth, Herrn Jodi Routh, mit seiner Tochter Nandi. Ich verbinde diesen Gruß mit dem großen Wunsch, dass es hoffentlich bald gelingen möge, die von ihm der Stadt Gießen zur Aufbewahrung angebotenen Werke Heckroths nach Gießen ins Museum zu holen. 

Als Vertreter des Hessischen Kultusministeriums begrüße ich sehr herzlich Herrn Staatssekretär Dr. Manuel Lösel, der den Preis im Auftrag von Staatsminister Boris Rhein übergeben wird. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst ist durch den Referenten für Theater, Herrn Jan-Sebastian Kittel, vertreten. Auch Ihnen ein herzliches Willkommen!

Ich freue mich, den Landtagsabgeordneten Gerhard Merz als treuen Besucher unserer Preisverleihungen wieder begrüßen zu können.

Die Verleihung des Hein-Heckroth-Förderpreises wird die Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen, Frau Dietlind Grabe-Bolz, vornehmen, die ich ebenso herzlich wie die Gießener Stadträte, Frau Astrid Eibelshäuser, Frau Monika Graulich und Frau Susanne Koltermann, die Leiterin des Kulturamtes, Frau Simone Maiwald, sowie die anwesenden Stadtverordneten begrüße.

Die Verleihung des Förderpreises wäre ohne die Bereitstellung des Preisgeldes vonseiten der Stadt Gießen nicht möglich. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Wie Sie der Einladungskarte und dem Programmheft entnehmen können, wird diese Veranstaltung nicht nur vom Land Hessen, der Stadt Gießen und vom Stadttheater Gießen unterstützt, sondern auch von der Gemeinnützigen Stiftung der Sparkasse Gießen, vielen Dank, Herr Direktor Wolf, vielen Dank, Herr Direktor Keil, sowie von der Volksbank Mittelhessen, vielen Dank, Herr Direktor Bernhardt!

Wie schön, dass wir einen Theaterpreis auch in einem Theater überreichen dürfen. Liebe Frau Miville, wir danken Ihnen, Ihrer stets hilfsbereiten Assistentin, Frau Kristin Schulze, und all den vielen Mitarbeitern, die trotz der gestrigen Schauspielpremiere am heutigen Vormittag dafür sorgen, dass alles reibungslos klappt.

Auch Petra Soltau stand gestern Abend hier auf der Bühne. Ein besonders großer Dank Ihnen, liebe Frau Soltau, dass Sie sich trotzdem wieder bereit erklärt haben, diesen Festakt zu moderieren.

Ebenfalls danken möchte ich den Vertretern der Presse für ihr Kommen und für die umfangreiche Berichterstattung im Vorfeld.

Erlauben Sie mir abschließend den Hinweis, dass diese achte Verleihung des Heckroth-Bühnenbildpreises zugleich die letzte ist, bei der ich hier oben vor Ihnen stehe. Nach der Sommerpause werde ich mein Amt als Vorsitzende der Heckroth-Gesellschaft und damit auch die Organisation der Preisverleihungen in jüngere, kompetente Hände übergeben.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass mein Abschied vom Amt der Vorsitzenden zugleich Neubeginn und Kontinuität für die Heckroth-Gesellschaft bedeuten wird und dass unser Bühnenbildpreis auch noch viele weitere Jahre verliehen werden wird.

Nun wünsche ich uns allen einen interessanten und anregenden Vormittag, danke Ihnen für Ihr Kommen und bitte die Hausherrin, Frau Cathérine Miville, auf die Bühne.


Grußwort

Cathérine Miville
Intendantin des Stadttheaters Gießen

miville

Einen wunderschönen guten Morgen, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Auch von Seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadttheaters und von mir ein herzliches Willkommen zur heutigen Preisverleihung.

Bereits zum achten Mal ist das Stadttheater Ort dieses besonderen Anlasses, und ich freue mich sehr, dass auch in diesem Jahr so viele Interessierte den Weg zu uns gefunden haben.

Der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis ist als Auszeichnung, die ausschließlich an BühnenbildnerInnen verliehen wird, eine Rarität, ein Unikat – so wie auch jeder von einem Bühnenbildner gestaltete Raum ein Unikat darstellt.

Auf zahllosen Bühnen wird tagtäglich Theater gespielt – in Räumen, die mit unendlicher Kreativität und höchstem technischem Knowhow für jede einzelne Inszenierung konzipiert und von eigens dafür spezialisierten Werkstätten hergestellt werden.

Und diese von unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstlern kreierten Räume spielen eine ganz zentrale, Theaterabend prägende Rolle. Oft prägen sie sich daher dann auch sehr nachhaltig in die Köpfe und Herzen des Publikums ein. Und wenn eine Bühnenbildnerin oder ein Bühnenbildner seine unverwechselbare Handschrift entwickelt hat, verbinden die BesucherInnen, die ihre mitgestalteten Theaterabende erleben, unvergessliche Bilder der Erinnerung mit ihren Namen.

Und dies haben die PreisträgerInnen des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises, trotz oder gerade wegen ihrer so starken, individuell geprägten Handschriften, gemeinsam: Ihre Räume sind unverwechselbar mit ihren Künstler-Persönlichkeiten und Namen verbunden.

Der Träger des diesjährigen Hauptpreises reiht sich nahtlos in diese großartige Riege herausragender Bühnenbild-KünsterInnen ein, die bisher mit dem Hein-Heckroth- Bühnenbildpreis ausgezeichnet wurden. Und so ist es mir eine wirkliche Freude, lieber Gero Troike, Sie heute in unserem Stadttheater als Gast und Preisträger willkommen heißen zu dürfen. Ich bin sicher, Sie werden mir verzeihen, wenn ich den Fokus meiner Ausführungen nun dennoch nicht darauf lege, Ihr Werk zu beleuchten und zu würdigen. Denn ich möchte heute mein Grußwort an eine Frau richten, ohne die wir alle nicht hier wären.

Als ich vor über 15 Jahren nach Gießen kam, um mich auf meine neue Aufgabe als Intendantin des Stadttheaters vorzubereiten, hörte ich auch schon recht bald davon, dass es da jemanden mit einer Galerie gibt, der „irgendwie noch Bilder von Hein Heckroth hat und jetzt so einen Preis initiieren wolle“.

Das Thema war damals nicht übermäßig positiv besetzt. Aber ich konnte diese Frau dann kennenlernen und die Kraft spüren, mit der sie ihre Idee unermüdlich vorantrieb und, von ihrer Begeisterung und Kompetenz getragen, sehr namhafte Mitstreiter ins Boot holte, sodass die Idee aufblühte und sich daraus eine ganz außergewöhnliche Erfolgsgeschichte entwickelte.

Liebe Frau Wosimsky: Im Jahr 2001 wurde die Hein-Heckroth-Gesellschaft Gießen gegründet. Seit vielen Jahren haben Sie den Vorsitz inne. Sie wahren und pflegen gemeinsam das künstlerische Vermächtnis Hein Heckroths. Für dieses langjährige, intensive Engagement möchte ich mit hohem Respekt Dankeschön sagen. Es ist nicht selbstverständlich, mit welchem Elan und Einsatz, mit welcher Freude Sie über all die Jahre den Verein – ehrenamtlich – zu dem gemacht haben, was er heute ist. Sie haben es immer wieder geschafft, renommierteste Persönlichkeiten zu den sehr unterschiedlichen, abwechslungsreich gestalteten Preisverleihungen zu versammeln. Sie vermittelten damit über die Jahre die großartige Möglichkeit, das Schaffen und die Persönlichkeit von Hein Heckroth aus unterschiedlichsten Perspektiven kennenzulernen – eine, wie ich meine, wirkliche Bereicherung für uns alle.

Gerne nutze ich die Gelegenheit, Ihnen heute auch als langjährige Besucherin unseres Theaters sehr herzlich für Ihre besondere Zugewandtheit zu unserer Arbeit zu danken. Und ich hoffe natürlich, dass Sie uns auch weiterhin als interessierte, wohlwollend kritische Wegbegleiterin verbunden bleiben.

Auch wenn es etwas schwer fällt, sich den Verein künftig ohne die Tatkraft und Erfahrung von Dietgard Wosimsky vorzustellen, so freue ich mich natürlich auch auf die bevorstehende Zusammenarbeit mit Ihnen, lieber Herr Dr. Kiefer, und wünsche dem Hein- Heckroth-Bühnenbildpreis eine noch lange, glanzvolle Zukunft, der Hein-Heckroth- Gesellschaft eine erfolgreiche Veranstaltung und uns allen eine anregende Feierstunde und anregende Gespräche im Anschluss im Foyer.


  „herzog BLAUBARTS BURG“ als FERNSEHOPER
Hein Heckroths SKIZZEN ZUM SZENENBILD

Prof. Dr. Claudia Hattendorff
Justus-Liebig-Universität Gießen

hattendorff

Sehr geehrter Herr Troike,

sehr geehrte Frau Bertermann,

sehr geehrte Festgesellschaft!

Als das Fernsehen noch nicht das riesenhafte Traditionsmedium unserer Tage, sondern jung und unausgegoren war, gehörte es zum Ehrgeiz der Programmplaner, in der Gattung Musiktheater auch Schweres und Schwieriges zu senden. Zu den erstaunlichen Resultaten dieses Ehrgeizes gehört, was sich vor den Augen des westdeutschen Fernsehzuschauers am 15. Dezember 1963 abends um halb zehn abspielte. Das Dargebotene war ein kühner Brückenschlag zwischen moderner Kunst und breitem Publikum – ein Brückenschlag, der ein Neulandwerk der Musik über das stehende Wasser der Verkennung, der Missachtung und des Vergessens in die heimischen Wohnstuben transportierte. An jenem Dezembertag 1963 – es war der dritte Adventssonntag – zeigte die ARD ein Musikdrama von Béla Bartók, das die Fernsehkonsumenten aus der Adventsstimmung riss und auf eine dunkle, fensterlose Burg katapultierte, auf der ein reicher Mann mit pathologischer Kälte und Verschlossenheit seine junge Frau quält: „Herzog Blaubarts Burg“.

Allerdings hatte am 1. April 1963 ein zweiter deutscher Sender den Betrieb aufgenommen, und so konnte der Fernsehzuschauer an jenem Dezemberabend der Kerkeratmosphäre der Blaubart-Burg ausweichen und im ZDF die Dokumentation „Mir Frankforter Kulturmensche anschauen. Mit dem Ersten sah man an diesem Abend besser, vermute ich.

Mit Bartóks einziger Oper brachten Norman Foster als Produzent und Hauptdarsteller, Michael Powell als Regisseur und Hein Heckroth als Szenenbildner ein bis dahin nicht so präsentes Werk des modernen Musiktheaters ins Fernsehen. Komponiert im Jahr 1911 und zunächst als unspielbar abgelehnt, wagte die Budapester Oper erst 1918 die Uraufführung, die das Publikum übrigens keineswegs mit lärmender Feindseligkeit quittierte.[1] Trotzdem stieß das Stück in der Folgezeit überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung.[2] „Herzog Blaubarts Burg in den frühen Sechzigerjahren als Fernsehoper zu präsentieren, war also ein Wagnis.

Das Stück bietet eine Handlung, die eigentlich keine ist (die Oper besteht aus einem einzigen langen Dialog zwischen Blaubart und Judith), und mündet in einem der düstersten Opernfinale aller Zeiten. Die Tradition hatte Blaubart als Frauenmörder gezeichnet. Das Libretto von Béla Balázs, das Bartók vertont hat, sprengt jedoch den Rahmen der traditionellen Blaubart-Legende. Zum Inhalt nur so viel: Blaubart bringt seine neue Frau, Judith, heim auf seine Burg. Sie will die „böse Kunde“ zunächst nicht wahrhaben und glaubt, sie könne mit ihrer Liebe Blaubarts kalte und finstere Burg erwärmen und erhellen. Blaubart und Judith stehen in der Eingangshalle, von der sieben große Türen abgehen. Judith bittet darum, sie aufschließen zu dürfen. Blaubart zögert. Judith beharrt auf ihrem Wunsch. Die ersten beiden Türen führen in eine Folterkammer und eine Waffenkammer, beide blutbefleckt. Die folgenden drei Türen zeigen, als Licht von außen eindringt, Blaubarts Schatzkammer, seinen Zaubergarten und – zu einem gewaltigen orchestralen Höhepunkt – seine riesigen Ländereien. Doch wieder wird jede Szene von Blut durchtränkt. Düsterkeit senkt sich herab, als die beiden letzten Türen geöffnet werden. Der sechste Raum birgt einen Tränen-See. Hinter der siebten Tür treten Blaubarts ehemalige Frauen als Gefangene hervor. Judith wird gezwungen, die drei Exfrauen zurück in ihren Kerker zu begleiten. Die Tür schließt sich. Blaubart bleibt allein zurück. „Nacht bleibt es nun ewig“, lauten seine letzten Worte.

Ich zeige Ihnen hier die Eingangseinstellung zur Fernsehoper: eine zweidimensionale Darstellung der Blaubart-Burg von der Hand Hein Heckroths.

1 Herzog Blaubarts Burg, Regisseur: Michael Powell, Darsteller: Norman Foster, Ana Raquel Satre, Süddeutscher Rundfunk, 1963, TC: 00:00:20

In gewisser Weise ist das Eingangsbild charakteristisch für das Szenenbild insgesamt, denn Heckroth arbeitet in diesem Fernsehfilm nicht mit einem geschlossenen Raum mit klarer Ausdehnung, wie es den Anweisungen der Textvorlage entsprochen hätte. Dort ist nämlich von einer „mächtige[n], runde[n], gotische[n] Halle“ als einzigem Spielort die Rede.[3] Heckroth hingegen verzichtet auf den dreidimensionalen Illusionismus der Bühne und kombiniert stattdessen – wie wir noch sehen werden – flache, mitunter transparente Wandelemente und mehr oder minder filigrane plastische Einzelobjekte zu einem offenen, fließenden, symbolhaften Raum, der hochgradig artifiziell und zeichenhaft ist – so zeichenhaft wie das Bild, mit dem der Film beginnt, die Burg, die keine wirkliche Burg aus Stein ist, sondern ein Zeichen für Blaubarts Seele.
Das Eingangsbild leitet aber auch direkt zu einem auf den ersten Blick unauffälligen Gegenstand über, der im Zentrum meiner heutigen Ausführungen steht: ein Zeichenblock mit Spiralbindung, den Heckroth 1963 benutzt hat, um schriftliche und bildliche Notate zu verschiedenen Projekten festzuhalten. Der Block enthält unter anderem den Entwurf Heckroths für seine 1964 publizierten Bemerkungen zur Ausstattung des Spielfilms „Die Dreigroschenoper von 1962 (Regie: Wolfgang Staudte), aber eben auch Notizen und Zeichnungen zur Fernsehproduktion „Herzog Blaubarts Burg.[4]
In diesem Zusammenhang erscheint in unserem Skizzenblock natürlich auch das Bildzeichen „Burg“, und zwar gleich mehrfach, um die Eingangssequenz des Films vorzubereiten.
Der Skizzenblock darf unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, weil er Einblick in Heckroths Arbeitsweise als Ausstatter von Herzog Blaubarts Burg gewährt, aber auch die Schwierigkeiten beleuchtet, die diese Produktion begleiteten.

2 Hein Heckroth, Skizzenblock, 1963, Privatsammlung, fol. 12 verso und 13 recto

Diese Schwierigkeiten bestanden vor allem in der Finanzierung des Projekts. Aus den 1992 publizierten Lebenserinnerungen Michael Powells erfahren wir, dass der Süddeutsche Rundfunk dem Produzenten Norman Foster, gleichzeitig Sänger der Titelpartie, zwar einen Etat zur Verfügung gestellt hatte, er, Powell, aber mehrere Reisen unternehmen musste, um die notwendigen Mittel zusammenzubringen.[5] Im Mai 1963 – bei einem ersten kurzen Aufenthalt in Salzburg, wo dann im Juni und Juli in nur achteinhalb Tagen die Fernsehoper gedreht wurde – war das finanzielle Dilemma Gegenstand einer humorigen Verbildlichung von der Hand Heckroths. Ein Blatt des Skizzenblocks zeigt mittig eine abgekürzte Darstellung des Szenenbildes zu Blaubart und rechts die in einen Sherlock Holmes-artigen Inverness-Mantel gehüllte Figur eines Mannes, der mit einem Geldsack aus London kommend über Cap Ferrat und München nach Salzburg reisend dort liegende Figuren mit einem (Geld-)Regen wohl wieder zum Leben zu erwecken vermag – ersterer eindeutig Michael Powell, der häufig in einem Hotel in Saint-Jean-Cap-Ferrat logierte, letztere unter anderem der Produzent und Hauptdarsteller Norman Foster („Normann“), der Art Director Gerd Krauss, damals Mitarbeiter von Heckroth an den Städtischen Bühnen Frankfurt („Gert“), und Hein Heckroth selbst. Die Textzeile „What no Money – no Kameramann?“ fasst in charakteristischem englisch-deutschen Kauderwelsch die Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Projekts zusammen.

3 Hein Heckroth, Skizzenblock, 1963, Privatsammlung, fol. 14 verso und 15 recto

Den größten Raum nehmen in dem Skizzenblock aber naturgemäß Notizen und Zeichnungen ein, die konkrete Elemente des Szenenbildes von „Blaubart vorbereiten und seine Umsetzung begleiten.
Zwei Stichworte, die Heckroths Arbeit für Bühne und Film grundsätzlich beschreiben, kennzeichnen auch seinen Ansatz bei dieser Ausstattung: Transparenz und Farbe. Dafür hier nur ein Beispiel: Eine in Salzburg am 30. Juni 1963 gefertigte Skizze zeigt die Einrichtung des bei den Dreharbeiten genutzten Modells, das, neben der schon gezeigten, zweidimensionalen Burgsilhouette, den Ort bezeichnet, an dem die Handlung ausschließlich situiert ist, nämlich das Innere der Blaubart-Burg (das gleichzeitig die innere Verfasstheit des Protagonisten spiegelt und das Heckroth auch als Gehirn Blaubarts visualisierte).[6]